Die Geschichte des Holzkreuzes im Foyer unseres Neubaus

Unsere Schulleiterin Maria Orth erzählt, was es mit dem Kruzifix auf sich hat:
Die Geschichte des Holzkreuzes erläutert meine Mutter, Frau Gertrud Limbach, geborene Mirbach; Jahrgang 1927; in den späten 40er und den 50er-Jahren Lehrerin an der damaligen Volksschule, zuerst im alten Gymnasium an der Pallottistraße, dann hier in der Bachstraße, heute KGS Sankt Martin, in ihren Kindheitserinnerungen. Sie schreibt:

"Ich erinnere mich an einen Abend, wir waren gerade beim Abendbrot, als es an der Tür klingelte. Ich stand an der Küchentür und hörte, was gesprochen wurde. Mein Onkel, Jean Schmitz, der mit meinen Eltern und mir in unserem Haus an der Koblenzer Straße lebte, kam rein und sagte zu meinem Vater: „Du musst mir helfen!“ Ich wurde dann rausgeschickt, was selten vorkam. Mein Vater schwang sich aufs Fahrrad, mein Onkel setzte seinen Hut auf und ging ebenfalls.
Am anderen Morgen lag auf dem Tisch in unserem Wohnzimmer ein Kreuz. Das war aus der ersten Klasse, das wusste ich. Ich selbst muss damals im 3. oder 4. Schuljahr gewesen sein.
Den Hintergrund habe ich erst nach dem Krieg von meinem Onkel erfahren. Es hatte damals jemand an unserer Tür geklingelt, der meinem Onkel gesagt hat: „Herr Schmitz, ich weiß, dass mehrere SA-Männer in die Schule kommen und vor den Augen der Kinder die Kreuze in den Klassen abnehmen wollen. Unternehmen Sie etwas!“ Da ist mein Vater mit seinem Fahrrad von Lehrer zu Lehrer gefahren und hat sie in die Schule gerufen. Mein Onkel begab sich direkt in die Schule.
Der Rektor der Schule, Josef Holzem, war zu dieser Zeit krank. Weil mein Onkel dienstältester Lehrer war, vertrat er ihn. Er informierte in dieser Nacht die Koleginnen und Kollegen über den Besuch. Er habe denjenigen nicht gekannt, der ihn gewarnt habe und wisse nicht, ob das wahr sei. Aber er wollte nicht, dass man das den Kindern antue, erklärte er. Dann haben die Lehrer die Kreuze sofort abgehängt und sie mit nach Hause genommen.
Als 1945 der Schulbetrieb wieder los ging, hat mein Onkel gebeten: „Wer die Kreuze noch hat, gibt sie bitte wieder zurück.“ Der erste Unterricht der Volksschule fand im alten Gymnasium (Ecke Voigtstor/Pallottistraße) statt. Später, ich war inzwischen selber Lehrerin an der Volksschule, haben wir diese Kreuze mit in die neu gebaute Schule an der Bachstraße genommen. Jahre später hat die Stadt für alle Schulklassen neue Kreuze gekauft. Ich durfte unser Kreuz haben. Es hängt seitdem in unserem Treppenhaus."

Gertrud Limbach, geb. Mirbach
Gertrud Limbach, geb. Mirbach

Hier endet der Text meiner Mutter.
Das Kreuz hat mich und meine drei Geschwister durch unser Leben begleitet, weil auch wir in diesem Haus an der Koblenzer Straße aufgewachsen sind. Wir haben auch alle diese Schule hier besucht. Unser Elternhaus gehört inzwischen, nach dem Tod beider Elternteile, unserem jüngsten Bruder, Martin Limbach. Auch er hat das Kreuz dort im Treppenhaus hängen lassen, bis...
Ja, bis ich ihn gefragt habe, ob es auch in seinem Sinne sei, dieses Kreuz der Schule zurück zu geben; es sozusagen „nach Hause“ zu bringen und ihm hier im Neubau einen würdigen Platz zu geben. Er hat sofort zugestimmt. Und so hat nach langen Jahren dieses Kreuz in unsere Schule zurück gefunden und hat im Foyer unseres wunderschönen Neubaus seinen Ehrenplatz bekommen!